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Silvester mit Hund überstehen: Was Hunden mit Silvesterangst wirklich hilft, stressfrei durch den Jahreswechsel zu kommen

vor 6 Tagen
13 Min. Lesezeit

Raketen, Böller und Lichtblitze: Für viele Hunde ist Silvester die stressigste Nacht des Jahres. Manche ziehen sich zurück, andere zittern, hecheln, sabbern oder laufen unruhig umher und bellen. Einige versuchen sogar panisch zu flüchten. Rund die Hälfte aller Hunde zeigt meiner Studie zufolge Angst vor Feuerwerk. Alle Quellen findest du unterhalb des Textes.


Du kannst einiges tun, um deinem Hund die Silvesternacht zu erleichtern. Meine eigene Studie hat gezeigt, dass positive Verknüpfungen von Geräuschen mit Futter, Kauzeug oder Spielzeug die Ängste von Hunden reduzieren können. Das funktioniert auch als Prävention gut: wenn dein Welpe lernt, dass Überraschungsreize positiven Dingen vorhersagen, ist die Wahrscheinlichkeit viel geringer, dass er eine Geräuschangst entwickelt. Was du darüber hinaus tun kannst, wenn dein Hund vor Angst keine Belohnungen mehr annehmen kann, erfährst du in diesem Artikel.


Silvester mit Hund: Die wichtigsten Säulen


  • Sicherheit gewährleisten: Achtung Fluchtgefahr! Den Hund um den Jahreswechsel gut sichern (ggf. mit GPS-Tracker für Extra-Absicherung).

  • Positiv verknüpfen: Unerwartete Geräusche sofort mit etwas Positivem (z. B. Super-Leckerlis) koppeln.

  • Stress reduzieren: Passenden Rückzugsort oder gezielte Nähe anbieten – jeder Hund reagiert anders.

  • Rechtzeitig unterstützen: Bei starker Panik frühzeitig Hilfe einplanen, da Angst nicht immer kurzfristig wegtrainiert werden kann.


Inhaltsverzeichnis


Safety first: Gassigehen rund um den Jahreswechsel

Schon Tage vor und nach Silvester werden vereinzelt Feuerwerke abgeschossen. In Panik können sich selbst gut erzogene Hunde blitzschnell aus dem Geschirr winden. So sicherst du deinen Hund optimal ab:

  • Doppelte Sicherung: Nutze in den Tagen um Silvester ein ausbruchsicheres Sicherheitsgeschirr (mit zusätzlichem Bauchgurt) und sichere deinen Hund gegebenenfalls mit einer weiteren Leine am Halsband.

  • Ausschließlich an der Leine: Lass deinen Hund vor und nach Silvester sicherheitshalber nicht frei laufen.

  • Daten prüfen: Ist die Chip-Registrierung (z. B. bei TASSO) noch aktuell?

  • Ortung nutzen: Ein GPS-Tracker am Geschirr gibt zusätzliche Sicherheit (AirTags/iTags funktionieren meist nur im städtischen Bereich gut).


Management für Silvester mit Hund: so sorgst du dafür, dass dein Hund an Silvester Feuerwerke weniger laut wahrnimmt

Wenn möglich, halte dich mit deinem Hund in einem Raum auf, in dem der Außenlärm weniger stark zu hören ist (also z.B. Räume mit wenig Fenstern). Halte Fenster Vorhänge und Rollläden geschlossen, um Knaller und Lichtblitze möglichst abzuschirmen. Es gibt auch eigene Ohrenschützer für Hunde, z.B. von RexSpecs. Diese dämpfen die Geräusche zwar nicht komplett ab, reduzieren aber immerhin die Lautstärke ein wenig.


Sound Masking: Mit diesem Trick kannst du deinen Hund an Silvester ganz ohne Training und Medikamente beruhigen

Häufig wird empfohlen, klassische Musik, den Fernseher oder das Radio laufen zu lassen. Doch leider bleiben die Knaller auch mit diesen Maßnahmen gut hörbar.

Anders ist es beim Sound Masking: hierbei werden Hintergrundgeräusche mit bestimmten Frequenzen genutzt, um störende Geräusche weniger deutlich wahrnehmbar zu machen. Dafür eignen sich vor allem gleichmäßige Geräusche mit tiefen Frequenzanteilen, die einen Teil der von außen eindringenden Feuerwerksgeräusche überdecken können.


Meine erste Empfehlung sind Taiko-Trommeln. Ihre kräftigen, tiefen Trommelschläge können helfen, Feuerwerksgeräusche akustisch zu überdecken. Ein Beispiel findest du hier: Taiko-Trommeln auf YouTube. Auch Heavy Metal Musik kann ähnlich effektiv sein. Wichtig ist natürlich, dass dein Hund die Musik angenehm findet und nicht selbst darauf ängstlich reagiert.  Doch seit ich Sound Masking empfehle, habe ich schon ganz viel positives Feedback von Hunde- und auch Katzenhalter:innen erhalten.


Eine weitere Möglichkeit ist Brown Noise, ein gleichmäßiges Rauschen mit einem höheren Anteil tiefer Frequenzen. Auch White Noise wird häufig für Sound Masking empfohlen. Meiner Erfahrung nach kann White Noise allerdings bei manchen Hunden Stress auslösen. Beobachte deshalb genau, wie dein Hund reagiert, und brich den Versuch ab, wenn er unruhiger wird oder Anzeichen von Stress zeigt.

Achte darauf, dass das Geräusch möglichst kontinuierlich und mit gleichbleibender Lautstärke abgespielt wird. Ein geeigneter Lautsprecher sollte auch tiefe Frequenzen gut wiedergeben können. Teste die Geräuschkulisse unbedingt bereits vor Silvester und wähle die Lautstärke so, dass dein Hund nicht zusätzlich belastet wird.


Orientiere dich daran, was deinem Hund am Silvesterabend hilft


Manche ängstliche Hunde möchten sich zurückziehen, andere suchen die Nähe ihrer Bezugsperson oder laufen unruhig umher. Biete deinem Hund verschiedene Möglichkeiten an, ohne ihn zu einer bestimmten Reaktion zu zwingen.

Ein ruhiger Rückzugsort kann hilfreich sein, wenn dein Hund ihn freiwillig aufsucht. Du kannst bereits vorab dafür sorgen, dass ein bestimmter Ort mit viel Entspannung und positiven Dingen, zB. Kauzeug, Leckerli und Massagen verknüpft ist. Zwinge deinen Hund aber nicht in seine Box und sperre ihn dort nicht ein. Manche Hunde suchen gerade bei Angst nicht ihre gewohnten Rückzugsorte auf, sondern verstecken sich beispielsweise unter dem Bett, im Schrank, in der Dusche etc. Ermögliche deinem Hund, seine Wahl zu treffen, wie er sich am sichersten fühlt.


Aber Achtung: verbringt dein Hund die Silvesternacht stundenlang unter dem Bett, ist das ein Hinweis für dich, dass er unter großer Angst leidet. Um dies beim nächsten Jahreswechsel zu verhindern, lies weiter diesen Blog und erfahre, wie du ihm helfen kannst.


Wenn dein Hund stark hechelt, sabbert, zittert, sich stundenlang nicht mehr beruhigen kann oder panisch zu flüchten versucht, solltest du dich nicht allein auf Hausmittel oder einen Rückzugsort verlassen. Sprich möglichst schon vor Silvester mit deiner Tierärztin oder deinem Tierarzt über eine wirksame angstlösende Behandlung. 


Darfst du deinen Hund trösten, wenn er Angst vor lauten Geräuschen hat?


Prinzipiell ja – du darfst für deinen Hund da sein, ihm Körperkontakt und Streicheln anbieten, wenn er das möchte. Ich empfehle aber, deinen Hund nicht zu bemitleiden („Ja das ist wirklich ganz schlimm, du bist der ärmste…“, sondern vielmehr positive Stimmung zu erzeugen – à la „Ja ich habe es auch gehört, schau was es jetzt Tolles gibt“. Das Ziel soll also sein, mittels Stimmungsübertragung positive Emotionen zu übermitteln und keine negativen!


Selbstverständlich darfst du deinen Hund streicheln oder auf dem Schoß liegen lassen, wenn er deine Nähe sucht. Der verbreitete Ratschlag, man solle Angst ignorieren, damit sie nicht verstärkt wird, beruht auf einem Missverständnis. Angst ist eine Emotion und wird nicht einfach dadurch verstärkt, dass du deinem Hund freundlich Zuwendung gibst.


Wenn dein Hund von sich aus Körperkontakt sucht, darfst du ihn ruhig streicheln, bei ihm sitzen oder ihm anderweitig Sicherheit vermitteln. Beobachte dabei seine Körpersprache.

  • Lehnt sich dein Hund an dich, sucht er deine Nähe oder fordert er Streicheleinheiten ein, kannst du darauf eingehen.

  • Dreht er sich weg, zieht sich zurück oder wirkt er durch Berührungen noch angespannter, gib ihm Raum.

  • Versuche nicht, ihn gegen seinen Willen festzuhalten oder aus seinem Versteck zu holen.


Manche Hunde profitieren besonders von Körperkontakt, andere möchten lieber ungestört an einem sicheren Ort liegen.

Du musst also weder deinen Hund ignorieren, noch ihn permanent beruhigen. Entscheidend ist, was deinem individuellen Hund in dieser Situation hilft.


Lebst du mit einem ängstlichen Hund zusammen? Lade dir mein 0€ Ebook "Wege aus der Angst" herunter und hole dir die wichtigsten Tipps für Leben und Training mit ängstlichen Hunden auf 17 Seiten - inklusive Workbook für deine individuelle Situation!


Kann Futter helfen, einen Hund in der Silvesternacht zu beruhigen?

Ja, Futter kann die Geräuschangst deines Hundes tatsächlich vermindern, solange dein Hund noch Futter annehmen kann.

Eine besonders hilfreiche Methode ist die sogenannte Gegenkonditionierung: Ein Geräusch, das normalerweise Angst auslöst, wird mit etwas Positivem verknüpft.

Wenn es draußen knallt, kannst du deinem Hund beispielsweise unmittelbar danach ein besonders gutes Leckerli geben. Du kannst auch einen gefüllten Kong, eine Schleckmatte oder einen geeigneten Kauartikel anbieten.

Die Grundidee lautet: Auf das Geräusch folgt etwas Angenehmes.


Wichtig dabei:

  • Verwende Futter, das dein Hund besonders gerne mag.

  • Gib die Belohnung möglichst direkt nach dem Knall.

  • Warte nicht darauf, dass dein Hund sich beruhigt oder ein Kommando ausführt, am wichtigsten ist, dass der Hund lernt, dass auf das Geräusch immer verlässlich etwas Gutes folgt.


Für langandauernde Geräusche, z.B. direkt um Mitternacht, verwende ich sehr gerne Schleckmatten, sogenannte Lickimats oder etwas länger Anhaltendes zum Kauen. Beides siehst du auf dem Bild.



Nimmt dein Hund kein Futter mehr an, ist seine Angst möglicherweise bereits zu stark. Dann solltest du ihn nicht zum Fressen drängen. Konzentriere dich auf Sicherheit, Rückzug und gegebenenfalls medizinische Unterstützung.

In meiner Fragebogenstudie zu Feuerwerksangst bei Hunden war Füttern und Spielen mit den Hunden während Feuerwerksereignissen statistisch signifikant mit einer Verbesserung der Feuerwerksangst verbunden.


Dies bestätigte auch die Einschätzung der Halter:innen selbst: Die ad hoc Gegenkonditionierung – also das Verknüpfen tatsächlich auftretender Geräusche mit etwas Positivem – wurde in mehr als 70 % der Fälle als hilfreich eingeschätzt. Damit stellte die Gegenkonditionierung laut Einschätzung der Befragten die effektivste Trainingsmethode bei Hunden mit Silvesterangst dar. Bereits knapp danach kam das Entspannungstraining während dir oft empfohlenen Geräusch-Aufnahmen nur an dritter Stelle lagen und von etwas mehr als der Hälfte der Personen, die damit trainiert hatten, als effektiv beurteilt wurde.


Wie kannst du Silvesterangst beim Hund langfristig trainieren?

Wenn dein Hund Angst vor Feuerwerk hat, kannst du auch langfristig etwas tun. Besonders hilfreich sind Gegenkonditionierung und Entspannungstraining.


Gegenkonditionierung im Alltag: Knallgeräusche positiv verknüpfen

Bei der Gegenkonditionierung lernt der Hund, dass ein Geräusch, das bisher Angst ausgelöst hat, etwas Positives ankündigt. Das kann man auch ganz leicht im Alltag umsetzen: wenn etwa ein Auspuff knallt, ein Topfdeckel zu Boden fällt, ein Gewehrschuss aus dem Wald ertönt oder sonst überraschend ein lautes Geräusch auftaucht, kannst du

1.       Freudig-entspannt positive Emotionen vermitteln

2.      Hochwertig belohnen: Deinem Hund unmittelbar ein beliebtes Leckerli geben oder dieses werfen, so dass er es jagen kann, oder mit ihm andere Dinge tun, die im Spaß machen. Das kann zum Beispiel das Ausführen von Lieblingstricks sein oder auch bei einem jagdlich interessierten Hund an einer Spur schnüffeln. Spielen klappt hier natürlich auch super.


Hier siehst du einige Beispiele mit meiner geräuschängstlichen Hündin Nayeli, wenn es draußen gerade geböllert hat:



Weitere Videos und Trainingsanleitungen erhältst du in meinem Webinar "Silvester mit Hund überstehen - Was hilft wirklich bei Geräuschangst"?


Neben der intelligenten Nutzung dieser Alltagssituationen kann man natürlich auch ganz gezielt mittels Gegenkonditionierung trainieren. Denn Training funktioniert am besten, wenn der Angstreiz so gering ist, dass er eben keinen Stress auslöst und dadurch umso leichter positiv verknüpft wird.


Gezieltes Training – steigernde Geräusche und Tonaufnahmen

Bei der systematischen Desensibilisierung werden Feuerwerksgeräusche in einer kontrollierten Situation zunächst sehr leise abgespielt. Die Lautstärke wird nur schrittweise erhöht, solange der Hund entspannt bleibt.


Am besten wird das Geräuschtraining mit Gegenkonditionierung kombiniert: Während der Hund die Aufnahme hört, erhält er etwas Positives.

Achte auf folgende Punkte:

  • Beginne mit einer Lautstärke, bei der dein Hund keinerlei Angstreaktion zeigt.

  • Erhöhe die Lautstärke nur in kleinen Schritten.

  • Mache es deinem Hund zwischendurch auch wieder leichter und reduziere die Lautstärke wieder.

  • Achte auch auf subtile Stressanzeichen wie Anspannung, häufiges Umherblicken oder zurückgerichtete Ohren


Tonaufnahmen haben allerdings Grenzen: Sie können die realen Bedingungen eines Feuerwerks nicht vollständig nachbilden. Hunde nehmen nicht nur Geräusche wahr, sondern unter anderem auch Vibrationen, Lichtblitze und Gerüche. Weil ein Lautsprecher auch das volle Geräuschspektrum nicht abbilden kann, reagieren viele Hunde reagieren auf echte Feuerwerkskörper deutlich stärker als auf Aufnahmen.


Weitere Tipps und Tricks, damit das nächste Silvester mit Hund entspannter wird:

Bringe deinem Hund bei, selbst Lärm zu machen! Z.B. indem er lernt, Dinge umzuschmeißen oder Leckerli sucht, die in einem Muffin-Blech versteckt sind.

Stelle deinem Hund kleine, aber machbare Herausforderungen, bei denen er sich eine Belohnung erarbeiten kann. Jedes Mal, wenn er eine kleine Schwierigkeit überwunden hat, wird er etwas selbstbewusster!


Mehr zu derartigen Mutmachspielen erfährst du in meinem Onlinekurs "Wege aus der Angst - Angst beim Hund verstehen und überwinden".



Entspannungstraining: Ruhe und Entspannung beim Hund gezielt aufbauen

In meiner Fragebogenstudie zu Feuerwerksangst gaben mehr als zwei Drittel der Personen, die Entspannungstraining mit ihrem Hund durchgeführt hatten, an, dass es bei der Geräuschangst ihres Hundes hilfreich gewesen war. Bemerkenswert: das Entspannungstraining war damit nach der Gegenkonditionierung die zweit-effektivste Trainingsmaßnahme und damit gemäß Angaben der Halter:innen erfolgreicher als das oft empfohlene Training mit Geräuschaufnamen oder Feuerwerks-CDs.


Es gibt viele Wege zum Entspannungstraining, und welcher der beste ist, ist noch nicht wissenschaftlich untersucht. Häufig wird zum Beispiel die sogenannte „Konditionierte Entspannung“ verwendet. Dabei lernt der Hund, bestimmte Signale mit einem entspannten Zustand zu verknüpfen. Das kann beispielsweise ein Wort, eine Decke, ein Geruch oder eine andere vertraute Situation sein.

 

So kannst du beginnen:

  1. Identifiziere Situationen, in denen dein Hund normalerweise sehr entspannt ist (beispielsweise abends beim Einschlafen oder während du im Homeoffice arbeitest)

  2. Führe das Signal ein, wenn absehbar ist, dass dein Hund sich gleich entspannen wird oder bereits entspannt ist. Beispiel: spiele eine bestimmte Hintergrundmusik oder den „Relaxodog“ ab oder träufle ein wenig verdünntes Aromaöl auf ein Tuch und lege es in die Nähe des Hundes solange er entspannt ist.

  3. Wenn dein Hund bei Körperkontakt und Streicheln gut entspannt, kannst du die Entspannung auch aktiv herbeiführen und vor und während dem Streicheln mit einem Signal, etwa einem bestimmen Wort, einer bestimmten Decke oder einem Duft verknüpften

  4. Verknüpfe dein gewähltes Signal wiederholt mit angenehmen, entspannten Situationen.

  5. Übertrage das Training erst schrittweise auf etwas anspruchsvollere Situationen.


Auch das entspannte Liegen auf einer Decke, verknüpft mit positiven Dingen, z.B. Kauzeug oder einfach Schlafen, kann dazu führen, dass die Decke selbst das Signal für den Hund wird, etwas runter zu fahren.


Ein Entspannungssignal ist kein Knopf, mit dem sich akute Panik einfach abschalten lässt. Es kann aber helfen, einen Zustand zu fördern, den der Hund bereits in ruhigen Situationen gelernt hat.


Wichtig: bei der „konditionierten Entspannung“ muss das Entspannungssignal immer wieder „aufgeladen“, also mit echter Entspannung verknüpft werden, vor allem, nachdem man es in stressigen Situationen eingesetzt hat.


Entscheidend ist, dass du frühzeitig beginnst. Ein Training, das erst in der Silvesternacht startet, kommt bei einem stark verängstigten Hund in der Regel zu spät. Doch mit gezieltem Training und wo notwendig medizinischer Unterstützung kannst du auch mit deinem ängstlichen Hund stressfrei ins neue Jahr starten.


Beruhigungsmittel, Medikamente & Hausmittel gegen Silvesterangst bei Hunden: Sinnvoll oder nicht?

Wenn die Zeit für vorbereitendes Training zu kurz ist oder dein Hund trotzdem starke Angst oder Panik bei Feuerwerk zeigt, solltest du rechtzeitig tierärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Bei ausgeprägter Geräuschangst reichen Management und Training allein häufig nicht aus, um starken Stress oder sogar Panik zu verhindern. Moderne tierärztliche Behandlungsmöglichkeiten umfassen auch angstlösende Medikamente, die dem Hund in solchen Situationen Erleichterung schaffen können. Ich stehe ganz klar auf dem Standpunkt: lieber eine Nacht unter Medikamenteneinfluss als stundenlange Panik!


Viele Hundehalter:innen befürchten, dass ihr Hund durch Medikamente nur „ruhig gestellt“ wird, die Angst aber bleibt. Dies ist nicht ganz unberechtigt, denn das früher häufig verschriebene Beruhigungsmittel Acepromazin (Sedalin) führt tatsächlich zu einer körperlichen Beruhigung, während angstlösende Effekte nicht nachgewiesen sind.


Heutzutage gibt es aber etliche Optionen, deren Wirkung auf Gehirn und Neurotransmitter gut bekannt sind und die eine echte angstlösende Wirkung haben. Dennoch gilt: nicht jedes Medikament wirkt bei jedem Hund gleich, darum sollte man unbedingt vor Silvester testen, wie ein Hund auf ein bestimmtes Medikament reagiert.

Bei manchen Hunden wirkt eine Kombination am besten, und auch der Dosierungsspielraum ist oft hoch. Daher empfehle ich bei schwerwiegenden Ängsten eine verhaltensmedizinische Beratung, da Tierärzt:innen mit verhaltensmedizinischer Spezialisierung viel Erfahrung mit angstlösenden Medikamenten haben, so dass das passende Medikament für ein individuelles Tier gefunden werden kann.


Vereinbare den Termin möglichst frühzeitig vor Silvester. So bleibt ausreichend Zeit, um die geeignete Behandlung auszuwählen und die Anwendung zu besprechen. Bei starker Feuerwerksangst ist eine Kombination aus Management, tierärztlicher Unterstützung und längerfristigem Verhaltenstraining häufig der sinnvollste Ansatz.


Wirken Bachblüten, CBD, Homöopathie, Pheromone und andere Hausmittel beruhigend bei Silvesterangst bei Hunden?

Das Angebot an nicht verschreibungspflichtigen Beruhigungsmitteln oder Supplementen für Hunde ist groß. Dazu gehören Pheromonprodukte, Bachblüten, homöopathische Mittel, CBD-Präparate und verschiedene Nahrungsergänzungsmittel.

Die wissenschaftliche Evidenz für diese Produkte ist jedoch gering. Für die meisten alternativen Mittel gibt es keine überzeugenden Belege dafür, dass sie Feuerwerksangst zuverlässig lindern. Ein weiteres Problem: Wenn Halter eine Verbesserung beobachten, bedeutet das nicht automatisch, dass das eingesetzte Mittel die Ursache dafür war. Auch der sogenannte Caregiver Placebo-Effekt spielt eine Rolle. Damit ist gemeint, dass Menschen eine Verbesserung bei ihrem Tier wahrnehmen können, obwohl das Tier beispielsweise ein Placebo erhalten hat.


In meiner eigenen Studie schätzten rund 70% der Teilnehmer:innen, die angstlösende Medikamente ausprobiert hatten, diese als effektiv ein, während die Erfolgsraten bei verschiedensten alternativen Produkten, u.a. Pheromone, Bachblüten und pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel lediglich bei 25-35% lagen.

Das heißt nicht, dass jede ergänzende Maßnahme grundsätzlich nutzlos ist. Sie sollte aber nicht dazu führen, dass wirksame Unterstützung verzögert oder eine schwere Angstproblematik unterschätzt wird. Bei ausgeprägter Silvesterangst solltest du deshalb nicht darauf vertrauen, dass ein frei verkäufliches Beruhigungsprodukt allein das Problem löst.


Bei einigen Hunden wirkt ein Thundershirt (ein eng anliegendes Shirt, welches durch Druckausübung das Wohlfühlhormon Oxytocin ausschütten soll) beruhigend; bei anderen zeigt sich jedoch keine Wirkung. Auch beim Thundershirt gilt: gewöhne deinen Hund bereits vor dem Feuerwerksereignis ans Tragen und verknüpfe es am besten mit Entspannung und positiven Dingen.


Wie kannst du die Entwicklung von Geräuschangst beim Hund oder Welpen verhindern?

Wenn dein Hund noch keine Angst vor Feuerwerk zeigt, kannst du vorbeugend trainieren. Gerade in der Welpenzeit sind positive Erfahrungen mit unterschiedlichen Geräuschen wichtig.

Das bedeutet jedoch nicht, dass du deinen Welpen möglichst vielen lauten Geräuschen aussetzen solltest. Ziel ist nicht Gewöhnung um jeden Preis, sondern eine behutsame Verknüpfung mit positiven Erfahrungen.


Du kannst beispielsweise:

  • Alltagsgeräusche in ruhiger Umgebung mit Futter oder Spiel verknüpfen.

  • Neue Geräusche zunächst aus sicherer Entfernung wahrnehmen lassen.

  • Darauf achten, dass dein Welpe jederzeit Abstand nehmen kann.

  • und vor allem alle überraschenden und potenziell angstlösenden Reize sofort positiv verknüpfen (siehe hierzu den Abschnitt zur Gegenkonditionierung oben)


Auch erwachsene Hunde können von vorbeugendem Training profitieren, solange sie noch keine ausgeprägte Geräuschangst entwickelt haben.

Die Entwicklung von Feuerwerksangst wird durch mehrere Faktoren beeinflusst, darunter genetische Veranlagung und Lernerfahrungen. Eine gute Sozialisierung kann das Risiko verringern, sie bietet aber keine Garantie dafür, dass ein Hund später keine Geräuschangst entwickelt.


Mein Hund hatte bisher keine Angst vor Böllern – plötzlich ist alles anders

Wenn ein Hund, der bisher gelassen auf Geräusche reagiert hat, plötzlich Angst vor Böllern oder Gewitter entwickelt, solltest du mögliche körperliche Ursachen tierärztlich abklären lassen.

Insbesondere Schmerzen können dazu beitragen, dass Hunde empfindlicher auf Geräusche reagieren. Auch andere gesundheitliche Veränderungen können eine Rolle spielen. Nicht selten ist eine untypische Verhaltensänderung das erste Anzeichen!

Warte deshalb nicht einfach ab, ob sich die Angst von selbst wieder legt. Je früher du die Ursache abklärst und geeignete Maßnahmen einleitest, desto besser kannst du einer weiteren Verschlechterung entgegenwirken.


Fazit: So hilfst du deinem Hund am Silvesterabend

Feuerwerksangst ist kein Erziehungsfehler. Sie ist eine emotionale Reaktion, die für betroffene Hunde mit erheblichem Stress verbunden sein kann.

Wenn dein Hund Angst vor Silvester hat, sind diese Maßnahmen besonders wichtig:

  • Vorbereiten: Richte einen freiwillig nutzbaren Rückzugsort ein und sichere deinen Hund bei Spaziergängen besonders gut.

  • Entlasten: Reduziere Lärm und Lichtblitze, nutze Sound-Masking, um Feuerwerksgeräusche weniger wahrnehmbar zu machen, und biete deinem Hund Nähe an, wenn er sie sucht.

  • Positiv verknüpfen: Belohne unerwartete Knallgeräusche und zeige selbst positive Emotionen, wenn Überraschungsreize auftauchen

  • Medizinisch unterstützen: Lass ausgeprägte Angst rechtzeitig tierärztlich behandeln.

  • Langfristig trainieren: Nutze Gegenkonditionierung, behutsame Desensibilisierung und Entspannungstraining.


Du musst die Angst deines Hundes nicht einfach hinnehmen. Mit einem passenden Management, wissenschaftlich fundiertem Training und bei Bedarf tierärztlicher Unterstützung kannst du viel dazu beitragen, sein Wohlbefinden zu verbessern.


Hast du einen ängstlichen Hund, oder arbeitest du beruflich oft mit Hunden mit Ängsten? Dann lade dir mein kostenloses Ebook "Angst beim Hund" herunter und erfahre auf 17 Seiten die wichtigsten Strategien, um deinem Angsthund zu helfen!


Du möchtest wissen, welche Maßnahmen bei Geräuschangst wirklich helfen und wie du sie im Alltag umsetzen kannst? Mit Videobeispielen wie das Training in echt aussehen kann? Dann schau rein in mein Webinar!


Darin erfährst du mehr über wissenschaftlich fundierte Strategien, mit denen du deinen Hund unterstützen kannst – mit anschaulichen Videobeispielen und praktischen Tipps.


Dieses und weitere Webinare findest du unter https://hundeverhalten.com/webinare


Mehr zum Thema "Angstlösende Medikamente beim Hund" erfährst du in meinem Blogartikel Psychopharmaka - ein No-Go? Eine Replik zum Artikel "Bittere Pillen"


Meine wissenschaftlichen Publikationen, auf die sich der Artikel bezieht:

  • Riemer S (2023) Therapy and Prevention of Noise Fears in Dogs—A Review of the Current Evidence for Practitioners. Animals, 13(23), 3664. Volltext

  • Riemer, S. (2020). Effectiveness of treatments for firework fears in dogs. Journal of Veterinary Behavior 37: 61-70. Volltext

  • Riemer S (2019) Not a one-way road – severity, progression and prevention of firework fears in dogs. PLoS ONE 14(9), e0218150. Volltext

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