Von der Rasse zum Individuum: Wie Genetik, Erfahrungen und Epigenetik beim Hund die Persönlichkeit prägen

Die Frage, wie Genetik und Umwelt zusammenspielen, interessiert Hundeforscher:innen schon seit langem. Bereits Mitte des letzten Jahrhunderts beschrieben Scott & Fuller in ihrem Standardwerk „Genetics and the Social Behavior of the Dog“ etwa die Relevanz der Sozialisierungsphase für die Verhaltensentwicklung von Hundewelpen.
Gleichzeitig wiesen sie durch die gezielte Kreuzung verschiedener Hunderassen (Basenji, Cocker Spaniel, Fox Terrier, Beagle und Sheltie) und der Beobachtung der Verhaltensweisen der Nachkommen in einer standardisierten Umwelt nach, dass rassetypisches Verhalten eine erbliche Komponente hat.
Das Ehepaar Coppinger & Coppinger, ebenfalls unter den Pionieren der Hundeverhaltensforschung, beschreibt in ihrem Buch "Hunde" (publiziert 2003), wie sie einen Retriever wie einen Herdenschutzhund aufzogen, um zu testen, ob er dadurch zum Herdenschutzhund werden würde. Doch der Hund lernte nie, sich wie ein Herdenschutzhund zu verhalten! Ein gutes Beispiel dafür, dass die Aufzucht nicht ausreicht, um ein bestimmtes Verhaltensrepertoire zu entwickeln, wenn die genetische Grundlage fehlt.
Doch auch „nur“ die Genetik reicht nicht aus: nur wenn Herdenschutzhunde die passende Umwelt haben (Aufzucht mit Vieh), werden sie später beschützendes Verhalten gegenüber der Herde zeigen. Das zeigt die zentrale Aussage: Gene und Umwelt wirken gemeinsam.
Wie groß ist der Einfluss der Gene auf Verhalten beim Hund?
Um den genetischen Anteil von Verhalten abzuschätzen, verwendet die Wissenschaft den Heritabilitätskoeffizienten.
Heritabilität (Erblichkeit) beschreibt, wie viel der Unterschiede in einer bestimmten Eigenschaft zwischen den Individuen einer Population auf genetische Unterschiede zurückzuführen ist. Der Wert kann zwischen 0 und 1 liegen oder als Prozentsatz zwischen 0 und 100 % angegeben werden.

Wichtig: Heritabilität bezieht sich nie auf ein Individuum, sondern immer auf die untersuchte Stichprobe. Man kann also nicht sagen, 50 Prozent des Verhaltens einen bestimmten Hundes sei genetisch bedingt. Die errechnete Heritabilität hängt davon ab, welche Stichprobe man untersucht und unter welchen Umweltbedingungen die Tiere leben.
Deshalb ist der Kontext entscheidend. Ein Beispiel: Viele Labormäuse sind so stark ingezüchtet, dass sie genetisch ident sind (quasi wie lauter eineiige Zwillinge). Wenn es keine Variation in der Genetik gibt, müssen beobachtbare Verhaltensunterschiede zwingend zu 100% auf Umwelt-Bedingungen zurückgeführt werden, die Heritabilität liegt bei 0. Das heißt aber nicht, dass die Genetik nicht wichtig ist.
Ein Beispiel aus der Hundewelt: Vergleicht man Malinois, die beim Militär in Zwingern leben und einen ähnlichen Tagesablauf haben und ähnlich trainiert werden, fällt die geschätzte Erblichkeit von Verhalten meist höher aus als bei Malinois, die in Privathaushalten mit sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen leben. Das gilt selbst dann, wenn die Hunde beider Gruppen aus derselben Zucht stammen.
Übrigens zeigen zahlreiche Studien am Menschen, darunter auch Zwillingsstudien mit getrennt aufgewachsenen Zwillingen, dass genetische Unterschiede etwa 50 % der Unterschiede in den meisten Persönlichkeitseigenschaften erklären.
Rasseunterschiede in Persönlichkeit bei Hunden – Mythos oder Fakt?
Viele Studien belegen, dass sich die durchschnittlichen Werte diverser Persönlichkeitseigenschaften zwischen Rassen unterscheiden. Das heißt aber nicht, dass nicht jede Rasse Vertreter aufweisen kann, welche die gesamte mögliche Bandbreite abbilden. Doch gewissen Verhaltenstendenzen sind im Durchschnitt in manchen Rassen ausgeprägter als in anderen.
So werteten etwa Ghirlanda et al. (2013) einen Persönlichkeitsfragebogen für Hunde aus und fanden in allen 14 untersuchen Persönlichkeitseigenschaften signifikante Unterschiede zwischen den 10 untersuchten Rassen. Die Durchschnittswerte für jede Rasse sind unten grafisch dargestellt.

Ghirlanda S, Acerbi A, Herzog H, Serpell JA (2013) Fashion vs. Function in Cultural Evolution: The Case of Dog Breed Popularity. PLoS ONE 8(9): e74770. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0074770 Creative Commons Attribution License.
Doch für wie viel dieser Rasseunterschiede ist die Vererbung verantwortlich?
Eine große Studie von McLean und Kolleginnen aus dem Jahr 2019 nutzte Persönlichkeitsdaten von über 17.000 Hunden von mehr als 100 Rassen und genetische Daten von über 5.000 Hunden. Ergebnis: Im Durchschnitt lag die Heritabilität für die untersuchten Persönlichkeitseigenschaften bei rund 0,51. Mit anderen Worten, etwa 50 Prozent der Verhaltens-Unterschiede zwischen einzelnen Rassen ließen sich genetisch erklären.
Die Spannweite der erblichen Komponente in den rassetypischen Unterschieden reichte von etwa 27 Prozent bis zu 77 Prozent, je nach Eigenschaft. Besonders hohe Werte zeigten sich bei Trainierbarkeit (etwa 73 Prozent), Aggression gegenüber Fremden (68 Prozent), Jagdverhalten (62 Prozent) und Bindungsverhalten bzw. aufmerksamkeitssuchendes Verhalten (56 Prozent). Dies spiegelt bestimmte Verhaltensweisen wider, auf die verschiedene Rassen vermutlich gezielt selektiert wurden.
Besonders spannend: Die Forscher identifizierten spezifische Genvarianten, die mit diesen Verhaltenstendenzen zusammen hingen. Viele dieser Gene kodieren für Gehirnfunktionen und beeinflussen so Kognition, Emotion und Selbstkontrolle. Einige dieser Gene zeigen ähnliche Zusammenhänge auch in Studien zur Verhaltensgenetik beim Menschen, etwa hinsichtlich Aggression, Angstreaktionen oder kognitiver Verarbeitungsgeschwindigkeit. Mensch und Hund teilen sich also Gene, die Verhalten in einer ähnlichen Weise beeinflussen. Diese molekulargenetischen Befunde sind ein direkter Beleg dafür, dass Gene tatsächlich einen Einfluss haben.
Innerhalb der Rasse: deutlich geringere Heritabilität
Errechnet man die Heritabilität für Verhaltensmerkmale INNERHALB einer Rasse statt ZWISCHEN Rassen wie in der oben genannten Studie von MacLean und Kollegen, ergeben sich eine deutlich niedrigere Schätzungen des Einflusses der Genetik auf das Verhalten. So ergab eine Meta-Analyse, welche die Daten von 48 Publikationen über einzelne Rassen zusammen fasste, Heritabilitätsschätzungen zwischen 9 Prozent und 15 Prozent für typische Verhaltenseigenschaften.
Der Grund ist simpel: Wie oben erklärt, ist die Heritabiliätsschätzung immer abhängig davon, wie stark sich die untersuchten Tiere genetisch unterscheiden. Innerhalb einer Rasse gibt es weniger genetische Varianz, daher fällt die Schätzung der Heritabilität von Verhalten kleiner aus als zwischen Rassen mit größeren genetischen Unterschieden.

Eine provokante Studie und ihre Interpretation - ist Epigenetik beim Hund wichtiger als Genetik?
Im Jahr 2022 erschien eine Studie von Morrill und Kollegen, deren Abstract sehr deutlich aussagte, Rasse sei generell schlecht geeignet, um das Verhalten eines bestimmten Individuums vorherzusagen, und Entscheidungen zur Auswahl eines Haushundes sollten nicht auf Basis der Rasse getroffen werden. Während ich dem ersten Teilsatz zustimmen kann, finde ich den zweiten fast fahrlässig und diese Schlussfolgerung wird aus meiner Sicht auch nicht von den Studienergebnissen unterstützt. Diese sind nämlich komplexer als die Kurzzusammenfassung vermuten lassen könnte.
Die Studie ist äußerst hochwertig – lediglich der Abstract lässt aus meiner Sicht zu wünschen übrig. Was in der Hundewelt weit verbreitet wurde: diese Studie ermittelte mit rund 9% eine deutlich geringere Schätzung der Heritabilität von Rasseunterschieden im Verhalten als die obige Studie (rund 50% Heritabilität), obwohl sie mit 18.000 Hunden und 2155 DNA-Proben eine ähnlich große Stichprobe aufwies. Daraus lässt sich aber nicht schließen, dass fast ausschließlich Umweltbedingungen das Verhalten bestimmen.
Denn: Dass Gene einen Einfluss haben, ist nicht gleichbedeutend mit Rasseunterschieden
Rasseunterschiede im Verhalten und genetisch bedingte Verhaltensunterschiede werden oft leicht vermischt. Doch: Ein Husky und ein Labrador könnten die gleiche Genvariante habe, welche ein bestimmtes Verhalten beeinflusst, beispielsweise soziales Interesse/ Offenheit gegenüber Menschen.
Tatsächlich zeigten auch in Morill et al. (2022) viele Verhaltensmuster eine klare erbliche Komponente, oft über 25 Prozent. Eine hohe Heritabilität wurde etwa für Geselligkeit gegenüber Menschen mit 67 Prozent und Apportieren mit 52 Prozent errechnet.
Wenn also die Elterntiere wenig gesellig gegenüber Menschen sind, ist die Wahrscheinlichkeit durchaus groß, dass sie diese Eigenschaft an ihre Welpen weiter geben. Auch durch eine optimale Aufzucht und Sozialisierung sind genetische Nachteile nicht immer auszubügeln. Es wäre also fahrlässig, mit Hunden zu züchten, welche aggressive oder ängstliche Verhaltensweisen an den Tag legen. Zapata und Kollegen (2022) fanden beispielsweise heraus, dass etliche Genvarianten Verhaltensprobleme bei Hunden vorhersagen konnten.
Auch Morrill et al. dokumentierten Rasseunterschiede im Verhalten von Hunden
Zudem ergaben die Auswertungen von Morrill et al. (2022) durchaus, dass die Rasse Variation im Verhalten erklärt – und zwar sogar mehr als Größe, Geschlecht oder Alter!
Was heißt das für die Praxis? Rasse beeinflusst die Wahrscheinlichkeit bestimmter Verhaltensausprägungen, erklärt aber nicht alles. Die größten Unterschiede in rassespezifischem Verhalten fanden die Autoren ausgerechnet bei „Fügsamkeit“ (Gehorsam oder Unabhängigkeit). Die Top 10 der „fügsamsten“ und „unabhängigsten“ Rassen scheinen tatsächlich alle Klischees zu erfüllen: So gehörten Border Collie, Malinois und Golden Retriever zu den tendenziell fügsameren Rassen. Rassen wie Shiba Inu, Husky oder Dackel waren im Durchschnitt eher unabhängiger.
Außerdem untersuchten die Wissenschaftler:innen auch noch Korrelationen zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen der Hunde und den Rassebeschreibungen in einer Rasse-Enzyklopädie. Dabei zeigte sich, dass an Rassebeschreibungen offenbar doch etwas dran ist – 9 von 10 Eigenschaften laut der Enzyklopädie waren signifikant mit Verhalten im Fragebogen korreliert! Beispiel: Rassen mit hohen Werten für Trainierbarkeit laut Enzyklopädie wiesen höhere Werte für Gehorsam und Spielfreudigkeit in den Fragebögen auf. Hunde von Rassen, die als gute Wachhunde beschrieben wurden, waren weniger gesellig gegenüber Menschen.
Rasse kann das Verhalten eines INDIVIDUUMS nicht verlässlich vorhersagen
Es gibt also durchaus Rasse-Effekte in den meisten Verhaltens-Faktoren, das heißt: bei gewissen Rassen sind gewisse Verhaltenstendenzen wahrscheinlicher als bei anderen – doch das sind Durchschnittswerte. Selbstverständlich kann jede Rasse die gesamte Bandbreite an Verhaltensreaktionen zeigen. Und dennoch ist es beispielsweise wahrscheinlicher, dass ein Jack Russel eine extreme Jagdleidenschaft zeigt als ein Mops, auch wenn Einzelindividuen anders ticken.
Die Schlussfolgerung, Rasse sei völlig unbrauchbar zur Auswahl eines Hundes, ist zu stark formuliert. Besser ist die Differenzierung: Rasse gibt Hinweise auf genetische Veranlagungen und wahrscheinliche Tendenzen, aber keine Garantien. Wenn Du jedoch einen einzelnen Hund einschätzt, sagen Mittelwerte wenig über das konkrete Verhalten dieses Individuums aus.
Epigenetik beeinflusst Stressresilienz
Anfang des 21. Jahrhunderts wurde durch Studien an Ratten der erste Nachweis der Verhaltensepigenetik erbracht: Epigenetische Effekte (wie Gene an- oder ausgeschaltet werden) können Verhalten und Stressresilienz langfristig beeinflussen. Epigenetische Veränderungen, etwa durch die sogenannten Methylierung von Genen, können durch eigene Erfahrungen des Individuums, aber auch durch vorgeburtliche Einflüsse, insbesondere Stresshormone im Mutterleib, und in manchen Fällen sogar Erfahrungen der Vorfahren entstehen. Es ist daher besonders wichtig, tragende Hündinnen keinen unnötigen Stress auszusetzen.
Starke Traumata können sogar „vererbt“ werden und bei bis zu 3 Generationen Verhaltensveränderungen verursachen. Besonders wichtig sind frühe nachgeburtliche Erfahrungen: neben der Fürsorglichkeit der Mutter trägt auch eine stimulierende Umwelt zu einer guten Stressresilienz bei. Durch vielfältige Erfahrungen und Enrichment in den ersten Lebenswochen können sogar negative Voraussetzungen, etwa durch ungünstige vorgeburtliche Einflüsse, zu einem gewissen Grad wieder wettgemacht werden. Doch auch wenn frühe Erfahrungen und Sozialisierung sich besonders stark auf Verhalten bei Hunden auswirken, ist lebenslanges Lernen möglich. Die Verhaltenseigenschaften eines Hundes sind das Ergebnis des komplexen Zusammenspiels von Genetik und Umweltfaktoren (frühe Erfahrungen, Lebensumstände, Umgang der Bezugsperson uvm.).

Fazit
Genetik, Lernerfahrungen und Epigenetik beim Hund spielen zusammen und sind untrennbar miteinander verbunden. Die meisten Verhaltenseigenschaften sind genetisch komplex und werden durch hunderte oder sogar tausende verschiedene Gene beeinflusst. Die Gene sind die Basis, aber wie sich ein Hund – innerhalb der genetisch vorgegebenen Grenzen – schlussendlich entwickelt, wird durch individuelle Erfahrungen und sogar epigenetische Informationen der Vorfahren beeinflusst.
Erfahre mehr zum Thema im Webinar "Mythen und Fakten zu Genetik, Epigenetik & Erfahrungen – das prägt die Persönlichkeit beim Hund". Dieser Vortrag räumt mit häufigen Mythen auf und demonstriert anschaulich den Stand der Forschung:
Welche Rolle spielen Genetik, Epigenetik und Erfahrungen für die Hundepersönlichkeit?
Was ist dran an Rasseunterschieden im Verhalten?
Werden schlechte Erfahrungen des Vaters wirklich "vererbt"?
(Wie) ist genetische Selektion auf Verhaltenseigenschaften in der Hundezucht möglich? "
Wissenschaftliche Quellen
Ghirlanda, S., Acerbi, A., Herzog, H., & Serpell, J. A. (2013). Fashion vs. function in cultural evolution: The case of dog breed popularity. PLOS ONE, 8(9), Article e74770.
MacLean, E. L., Snyder-Mackler, N., von Holdt, B. M., & Serpell, J. A. (2019). Highly heritable and functionally relevant breed differences in dog behaviour. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 286(1912), Article 20190716
Scott, J. P., & Fuller, J. L. (1965). Genetics and the social behavior of the dog. University of Chicago Press.
Zapata, I., Lilly, M. L., Herron, M. E., Serpell, J. A., & Alvarez, C. E. (2022). Genetic testing of dogs predicts problem behaviors in clinical and nonclinical samples. BMC Genomics, 23, Article 102.
Morrill, K., Hekman, J., Li, X., McClure, J., Logan, B., Goodman, L., Gao, M., Dong, Y., Alonso, M., Carmichael, E., Snyder-Mackler, N., Alonso, J., Noh, H. J., Johnson, J., Koltookian, M., Lieu, C., Megquier, K., Swofford, R., Turner-Maier, J., ... Karlsson, E. K. (2022). Ancestry-inclusive dog genomics challenges popular breed stereotypes. Science, 376(6592), Article eabk0639.
Hradecká, L., Bartoš, L., Svobodová, I., & Sales, J. (2015). Heritability of behavioural traits in domestic dogs: A meta-analysis. Applied Animal Behaviour Science, 170, 1–13.
Polderman, T. J. C., Benyamin, B., de Leeuw, C. A., Sullivan, P. F., van Bochoven, A., Visscher, P. M., & Posthuma, D. (2015). Meta-analysis of the heritability of human traits based on fifty years of twin studies. Nature Genetics, 47(7), 702–709.


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